Der Meteorit und das Lied

 

Ich war 15 Jahre alt, als ich mit meinen Eltern aus Kirgisien nach Deutschland übersiedelte. Das war Anfang der Neunzigerjahre, noch bevor man uns, rechtzeitige Aussiedler, mithilfe der Vorsilbe „Spät-„ differenzierte. Wir könnten zur vierten Welle der Glücklichen zählen, die in einer unsicheren, turbulenten Zeit in der alten Heimat einen Neustart im paradiesischen Westen wagten, doch … Ja, was war denn passiert?, fragen Sie vielleicht. Ich weiß es bis heute nicht genau.

Ich kann mich nur erinnern, dass es auf einmal noch viel turbulenter wurde. Etwa zwischen Odessa, der Schwarzmeerküste von Rumänien und der Halbinsel Krim. Genau in diesem Dreieck.

Eine heidelbeerfarbene Wolke, so groß wie der ganze Himmel, hatte unser Flugzeug nach Hannover verschluckt. Es war in ihr gefangen wie in einem faradayschen Käfig, nur dass umgekehrt die Blitze nichts anderes zu tun hatten, als es scheinbar im Sekundentakt von allen Seiten zu piksen. Alles verdunkelte sich … um gleich wieder grell aufzuleuchten. Dies ging so eine Weile im Wechsel, als durchflöge das Flugzeug Felder eines dreidimensionalen Schachbretts. Bis ich eingeträumt war.

Als ich zu mir kam, rollten nicht mehr vierte, fünfte … neunte Wellen des von nun an wörtlich Schwarzen Meeres, sondern zogen schon Thüringens säuberlich geordnete, farbige Landschaften unter uns vorbei. Alle Passagiere samt meinen Eltern waren auf rätselhafte Weise von Bord verschwunden. Ich schien der einzige Überlebende zu sein. Abgesehen von den beiden traumatisierten Piloten, welche die Maschine nicht mehr wie im Traum, aber immerhin am Flughafen von Hannover landen konnten, ja, fast als wäre nichts gewesen …

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